Meine Mutter glaubt, dass ich in Tracht durch die Alpen ziehe und dabei volkstümlichen Gesang zum Besten gebe. Ich bin selbst schuld, denn ich erzählte ihr, dass ich neuerdings jodele. Damit meinte ich allerdings nicht das Brauchtum, sondern einen digitalen Trend: Hinter Jodel verbirgt sich ein für jeden zugänglicher Newsfeed in Form einer Smartphone App, die vor allem an Universitäten boomt. In einem Radius von zehn Kilometern kann jeder Nutzer Nachrichten senden und lesen – ohne Profil, alles bleibt anonym. Die User können Posts mit einem Up- bzw. Downvote bewerten und auch kommentieren. Belohnt werden Jodler für ihre Aktivitäten mit sogenannten Karmapunkten. Ein nettes Gimmick, das innerhalb der App aber keine weitere Funktion hat – bei Jodel soll es um Inhalte gehen, nicht um die Beliebtheit des Einzelnen.

Jodel besitzt zahlreiche Social Media-Eigenschaften und ist bisher gänzlich werbefrei. Die Anonymität spielt dabei eine wichtige Rolle – Marketern stehen keine Konsumentendaten zur Verfügung, sie können folglich nicht zielgruppensegmentiert werben. Hinzu kommt die eingeschränkte Reichweite der Posts. Jodel besitzt aber dennoch Marketingpotenzial – erstaunlicherweise nicht trotz, sondern gerade wegen der kleinen Reichweite.

bunt gemischt

Wer sind die Jodel-Nutzer und was posten sie?

Die meisten Jodler sind Studenten, denn die App ist ursprünglich als Campus-Nachrichtenplattform gedacht. Die Anwendung schaffte innerhalb kurzer Zeit den Weg auf über eine halbe Million Smartphones, sodass mittlerweile auch Schüler und junge Berufstätige zu den Nutzern zählen. Auf der Plattform wird sich dementsprechend nicht nur über Vorlesungen und Prüfungen ausgetauscht: Von Beziehungsfragen, über Hinweise auf U-Bahn Kontrolleure bis hin zu flachen Wortwitzen landet beinahe alles im Newsfeed. Auch Fotos können gepostet werden. Darüber hinaus finden aber auch sehr viele Freizeit- und Veranstaltungstipps den Weg in den Verlauf, sodass Jodel für Ortsansässige und Touristen Mehrwert bietet.

witzig

Für wen besteht Marketingpotenzial?

Große Marken werden es mit klassischen Werbeinhalten schwer haben: Jodel schaltet keine Anzeigen, Botschaften können also lediglich gepostet werden. Im Gegensatz zu sozialen Netzwerken, wo Nutzer Marken aktiv folgen und dementsprechend eine hohe Toleranz gegenüber Werbebotschaften haben, ist diese bei Jodel praktisch nicht gegeben. Denn die Nutzer erwarten hinter den anonymen Posts Unterhaltung und Tipps von Gleichgesinnten, allein die Nennung eines Markennamens würde vermutlich schnell zu Downvotes führen – steht ein Jodel bei einer Bewertung von minus fünf, wird er automatisch gelöscht. Für überregional agierende Marken kommt die geringe Reichweite erschwerend hinzu: Um flächendeckend zu werben, müssten Unternehmen theoretisch alle zehn Kilometer einen Mitarbeiter abstellen, der jodelt.

Chance für lokales Marketing

Während Anonymität und begrenzte Reichweite Jodel für viele Marken uninteressant machen, bieten dieselben Eigenschaften Marketingpotenzial für den stationären Handel, Gastronomien und Marken mit lokalem Bezug. Ein Beispiel: Eine Bar in München postet am Freitagabend: „zwischen 20 und 23 Uhr alle Getränke zum halben Preis in der Musterbar!“ Alle Jodel-Nutzer in der Umgebung können den Post sehen, er kostet keinen Cent und erreicht die Zielgruppe. Zudem weiß niemand, ob er von der Bar selbst oder einem Gast stammt. Natürlich kann jeder werbliche Inhalt auf Missgunst stoßen, lokalem Marketing kommt allerdings die emotionale Verbundenheit zwischen Stadt und Bewohnern zu Gute, die sich häufig auf ansässige Marken und Händler überträgt.

sushi

Jodel findet den Weg auf immer mehr Smartphones. Nicht nur in Deutschland, auch in Spanien und Schweden ist die App beliebt. Bei Jodel zählt nicht die Beliebtheit der Nutzer, sondern deren Posts. Das macht die App authentisch und deshalb werden auch nur authentische (Werbe-) Botschaften bei Jodel eine Chance haben. Spätestens wenn meine Mutter verstanden hat, dass sie zum jodeln lediglich ein Smartphone braucht, sollten sich Marketer mit dem Trend auseinander setzen. Also schon recht bald.

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